Lesezeit: 4 min

Herr Maas, gibt es in zehn Jahren noch Versicherungen wie wir sie heute kennen?

Peter Maas: Einfache Antwort: ja. Aber die Frage ist: Wie sehen sie aus? Für mich ist der Kunde der Haupttreiber der digitalen Veränderung. Wir alle bewegen uns in Märkten heute anders als vor fünf oder zehn Jahren, wenn wir unser Einkaufsverhalten anschauen, wie wir Entscheidungen treffen oder wo wir Informationen beschaffen. Das verändert die Erwartungen, die wir haben, und als Folge müssen sich auch die Anbieter anders verhalten, zum Beispiel Versicherungen.

Und, tun sie es, sich anders verhalten?

Versicherungen waren lange Zeit geschützt vor Veränderungen, weil sie an sich wenig attraktive Produkte verkaufen, die trotzdem gebraucht werden. Und weil sie sich in einem streng regulierten Umfeld bewegen.

Was die Versicherungsbranche nie systematisch gelernt hat, ist aus Kundensicht zu denken. Jetzt beginnt sich die Kundenreise, die «customer journey» radikal zu verändern.

Inwiefern?

Der hohe Anteil an persönlichem Kontakt, wie er heute zwischen Versicherung und Kunde existiert, wird auf digitaler Ebene seltener – aber dort, wo er stattfindet, wird er wichtiger denn je. Damit wächst der Druck auf die bisherigen Geschäftsmodelle, auf Strategien und Positionierungen. Mit einiger Verzögerung haben inzwischen alle Versicherungen begonnen, sich intensiv mit den Folgen der digitalen Transformation auseinanderzusetzen. Sie müssen ihre Rolle neu definieren, und die neue Ausrichtung hängt stark von den Veränderungen der Märkte ab.

Andere sind da schon weiter: Automobilhersteller werden zu Mobilitätsanbietern, IT-Unternehmen zu Life-Science-Firmen. Wo positioniert sich die Assekuranz?

Sie muss sich an der veränderten Werthaltung der Kunden orientieren. Bei der Mobilität spielt der Wechsel vom Eigentum zum Zugang («from ownership to access») eine wichtige Rolle. Man will nicht mehr zwei Autos besitzen, die nur zehn Prozent der Zeit genutzt werden. Immer mehr Menschen verlangen nach intelligenten Mobilitätslösungen auf Sharing-Basis, auf die sie über das Smartphone Zugang haben. Die integrierte Versicherungslösung, später einmal auf Basis von Echtzeit-Daten, ist für die Nutzer dieser Angebote ein selbstverständlicher Teil davon.

Alltagswelten definieren die neuen Märkte.

Richtig. Bisher wurden Märkte nach Produkten und nach Branchen festgelegt, in Zukunft werden sie es nach Kunden und deren Bedürfnissen.

Wie lautet das Wertangebot, das sie als Versicherer in einem Kundenbedürfnis orientierten Markt bieten? Ich habe noch niemanden getroffen, der eine wirklich gute Antwort darauf hat. Und da kommen die Insurtechs ins Spiel. Der Ansatz dieser technologiegetriebenen, neuen digitalen Versicherungsanbieter ist ein völlig anderer.

Und der lautet?

Insurtechs sagen: Wir haben eine Top-Technologie und wir wissen auch, wie wir sie einsetzen müssen. Nur machen wir das viel besser und transformieren Kundennutzen in Kundenwert. Damit bringen sie Bewegung in die Märkte. Ihr Handicap ist, dass sie ohne einen einzigen Kunden starten. Die cleveren Insurtechs, und da zähle ich wefox, wo ich im Verwaltungsrat der Muttergesellschaft sitze, natürlich dazu, surfen auf dem, was es bereits gibt. Sie versuchen, eine kundenorientierte Alternative zu bieten. Bei wefox ist das eine Online-Plattform für Broker, Versicherer und Kunden. Ein kooperatives Modell im Gegensatz zu früher gestarteten Insurtechs, die gegen die Versicherungen gearbeitet haben, teilweise sehr aggressiv, und die längst wieder verschwunden sind.

Wenn Insurtechs und Versicherer zusammenarbeiten, sind das echte Kooperationen oder Zweckgemeinschaften?

Als Außenstehender kenne ich beide Welten. Ich denke, man arrangiert sich und sagt: Es bringt Nutzen für beide, also versuchen wir es mal. Ob sie sich gegenseitig immer verstehen, bezweifle ich.

Mehr Neukunden, stärkere Kundenbindung und weniger Administrationsaufwand – mit digitaler Schubkraft. Werden Sie jetzt Partner bei wefox.

Mehr erfahren

Was ist bei den Insurtechs anders?

Eigentlich alles: die Visionen, die Menschen, die Technologien – und die beeindruckende Kraft, mit der sie in den Markt drängen. Sie ähneln aus Sicht der etablierten Versicherungen Parasiten, die beginnen Blut zu saugen. Letztlich sind es völlig unterschiedliche Ausgangslagen: Investoren von Insurtechs setzen auf Modelle der Zukunft; Aktionäre von Versicherungen wollen eine Dividende, und zwar jetzt.

Sind die Aktionäre Schuld an der trägen Reaktion der Versicherungen auf die Digitalisierung?

Jeder fundamentale Umbau des Geschäftsmodells kann eine Periode beinhalten, in der die Profitabilität einbricht. Einige Aktionäre sind bereit, dieses Risiko mitzugehen, andere sagen: «Ihr verdient doch gut, wieso müsst ihr alles radikal in Frage stellen?» Wenn Unternehmen antworten, sie seien fest davon überzeugt, dass in zehn Jahren die Versicherungswirtschaft anders aussieht und man sich jetzt darauf vorbereiten muss, hören sie von denselben Aktionäre: Könnt ihr ja machen, aber nicht auf unsere Kosten.

Und trotzdem müssen sie etwas tun?

Es ist das bekannte «Innovators‘ Dilemma», das insbesondere die Marktführer daran hindert, sich fundamental zu verändern.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Versicherungen alles in Frage stellen müssen, selbst den eigentlichen Kern ihrer Tätigkeit, den Risikotransfer.

Auch wenn die Entwicklung immer noch in den Kinderschuhen steckt, sehe ich beispielsweise Kapitalmarktlösungen anstelle des klassischen Risikotransfers als valable Alternative, also die Umwandlung von nicht handelbaren Forderungen in handelbare Wertpapiere.

Werden sich die Versicherungen aus diesen Zwängen befreien können, damit sie nicht als Verlierer der Transformation dastehen?

Sie müssen, wenn sie überleben wollen. Zumal die Margen schmelzen, in der Schweiz noch etwas weniger als in anderen Ländern, aber sie werden kleiner. Versicherer müssen versuchen, smarte Partner zu finden, die ihnen helfen, sich selber weiterzuentwickeln. Nehmen wir nochmals das Beispiel des integralen Mobilitätsanbieters: Es muss den Versicherungen gelingen, ein Wertversprechen an die Kunden abzugeben, selbst wenn ihre Dienstleistung und ihre Marke kaum mehr sichtbar ist, sondern wie eine Selbstverständlichkeit zum Angebotspaket dazu gehört. So bleiben sie ein wichtiger Teil der neuen Alltagswelten ihrer Kunden.

Über Prof. Dr. Peter Maas:
Prof. Dr. Peter Maas ist Titularprofessor für Management an der Universität St. Gallen und Vizedirektor des Instituts für Versicherungswirtschaft. Er sitzt seit März 2017 im Verwaltungsrat von Financeapp Switzerland AG, Muttergesellschaft des Insurtechs wefox, und ist Member of the Board der wefox Group.

Mehr Neukunden, stärkere Kundenbindung und weniger Administrationsaufwand – mit digitaler Schubkraft. Werden Sie jetzt Partner bei wefox.

Mehr erfahren